Zwischen 2018 und 2023 hat Europa laut dem Projekt Green to Grey – einer Kooperation von elf europäischen Medien und dem Norwegian Institute for Nature Research (NINA) – schätzungsweise 9.000 Quadratkilometer Natur- und Agrarflächen eingebüßt. Das sind 1.500 Quadratkilometer pro Jahr oder rund 600 Fußballfelder, die jeden Tag verschwinden.
Die Zahl ist nicht nur wegen ihres Ausmaßes bemerkenswert, sondern liegt auch anderthalb Mal höher als frühere offizielle Schätzungen. Durch die Kombination von Satellitenbildern, künstlicher Intelligenz und detaillierten Feldkontrollen konnten die Forschenden auch kleinere Veränderungen erfassen, etwa neue Straßen, verstreute Gebäude und zersplitterte Verstädterung, die ältere Überwachungssysteme oft übersehen haben.
Was Europa verliert
Der Rückgang betrifft sowohl Natur als auch Ackerland. Jedes Jahr werden etwa 900 Quadratkilometer natürlicher Lebensräume und 600 Quadratkilometer Ackerfläche in Siedlungs- oder Verkehrsflächen umgewandelt. Die Folgen sind gravierend: Die Biodiversität schrumpft, und Europas Fähigkeit, Nahrungsmittel zu produzieren, nimmt stetig ab. Ist der Boden erst einmal unter Asphalt, Beton oder Ferienanlagen versiegelt, ist eine Erholung nicht nur langsam, sondern in vielen Fällen gar nicht mehr möglich.
Projekte wie der CostaTerra Golf and Ocean Club in Portugal oder neue Marina-Komplexe in der Türkei zeigen, wie Luxusbauvorhaben in sensible oder geschützte Landschaften eindringen können. Fachleute warnen, dass solche Entwicklungen den Biodiversitätsverlust weiter beschleunigen und Ökosysteme weniger widerstandsfähig gegenüber künftigen Belastungen machen.
In Deutschland hat die Bundesregierung zugesagt, den Flächenverbrauch bis 2030 auf 30 Hektar pro Tag zu senken. Derzeit liegt er jedoch noch bei rund 45 Hektar täglich. Haupttreiber sind Wohnraumerweiterungen und Straßenbau an den Rändern von Städten und Gemeinden. Diese Vorhaben zerstückeln Ackerland und natürliche Korridore und untergraben trotz offizieller Zusagen sowohl Biodiversitäts- als auch Klimaziele.
Entwicklung neu denken
Die Green-to-Grey-Ergebnisse zeigen, wie schnell Grün zu Grau wird und wie schwer sich der Schaden rückgängig machen lässt. Angesichts des Drucks auf Biodiversität, Ernährungssicherheit und Klimaresilienz muss Prävention auf klügere Planung setzen.
Wachstum kann nach innen gelenkt werden – durch Nachverdichtung, die Wiederbelebung brachliegender Flächen und eine bessere Nutzung bestehender Infrastruktur. Strengere Flächennutzungspläne, ein leistungsfähiger öffentlicher Nahverkehr und ökologische Schutzauflagen können den Bedarf verringern, immer neue Freiflächen zu versiegeln.
Die Herausforderung besteht nun nicht nur darin, zu messen, was verloren gegangen ist, sondern auch darin, neu zu überlegen, wie Europa sich entwickelt. Ohne mutige Entscheidungen heute sind die Felder, Wälder und Lebensräume morgen verschwunden. Den Schutz des verbliebenen Grüns tragen jede Regierung und alle Bürger:innen gemeinsam in der Verantwortung.

